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Abenteuer Immigrant - Süd Afrika

Reise SA

 

Wir erhielten alle Fragebögen, füllten Formulare aus, besuchten dann auch die Botschaft von Südafrika in Köln. Aus dem Traum wurde Wirklichkeit. Wir waren als Immigranten angenommen und entschlossen uns die große Reise, die von der Südafrikanischen Botschaft bezahlt wurde, per Schiff anzutreten. Mein Vorgesetzter bot mir an uns mit seinem Wagen zum Hafen zu fahren. Wir nahmen das Angebot an.

 

Das große Packen und die Haushaltsauflösung begann. Wir entschlossen uns neben den persönlichen Dingen auch unsere Waschmaschine und den Kühlschrank mitzunehmen. Beide waren wie neu und wir wussten,  dass die Neuanschaffung in Südafrika teuer ist. Nach heutigen Verhältnissen ein nicht lohnendes Unterfangen. Die südafrikanischen Behörden zahlten aber für die Überfahrt mit dem Schiff, darin enthalten waren ein paar Kubikmeter Freigepäck. Ich bastelte also Kisten und legte sie mit Plastikfolien aus damit keine Feuchtigkeit an die Geräte heran kam.  Nachdem alles verpackt war kam die erste Hürde, der Transport zum Güterbahnhof. Immer wieder das liebe Geld das mich zu solch abenteuerlichen Aktionen verleitete, nämlich diese doch recht großen Kisten mit meinem Motorroller und seinem Anhänger über unsere Strassen zu fahren. Heute undenkbar, denn an jeder Ecke steht ein Polizist der nur auf eine Chance wartet dem Bürger ein "Knöllchen" zu verpassen. Alles ging gut, ich brachte die Fracht mit dem Roller zur Bahn.

 

Die Kisten wurden dann von der Bahn nach Bremerhafen, und von dort per Schiff nach Southhampton transportiert und dort auf unser Schiff die Windsor Castle" umgeladen werden. Später stellte sich dann heraus, dass dies durch einen Streik der Hafenarbeiter in England nicht geschehen ist.  Wir mussten darum einige Wochen auf unser Hab und Gut warten.

 

Die Aufregung der letzten Tage vor der großen Reise sind heute fast vergessen. Jedoch werde ich den Blick meiner Eltern beim Abschied nie vergessen. Es gab kein zurück und keine Macht dieser Welt konnte meinen Drang nach der Welt verhindern. Ich wollte mein Leben leben und hatte die Heimat gedanklich schon aufgegeben. Was sollte ich denn verlieren. Ich hatte nichts, erwarte nichts, aber war jung, gesund und voller Hoffnung.

 

Morgens um 6 Uhr stiegen wir in den Renault meines Werkmeisters und fuhren bis zum Abend quer durch Frankreich. In Le Havre fanden wir in einer Pension Quartier und reisten am nächsten Tag mit einer englischen Fähre Richtung England. Die Kinder waren natürlich aufgeregt denn sie sahen zum ersten mal das Meer und ihre erste Schiffsreise stand bevor. Auch Inge sah hier zum ersten mal das Meer und ihr Magen drehte sich schon bevor wir ablegten. Die Überfahrt sollte sechs bis sieben Stunden dauern. Das Meer zeigte sich von seiner schlimmsten Seite. Starke Herbststürme durchpflügten die See und unser fünftausend Tonnen Schiff wurde wie eine Nussschale über die Wellen geschaukelt. Inge und die Kinder waren blass und übergaben sich mehrmals. Mir ging es relativ gut. Ich konnte sogar etwas essen. Viele Passagiere saßen mit bleichen Gesichtern an den Tischen und bewunderten meinem Appetit. Inge und die Kinder boten einen jämmerlichen Anblick. Sie saßen oder lagen in unserer kleinen Kabine und warteten auf den Weltuntergang. Mein voller Magen und die frische Luft an Deck wo ich die Gewalten der See und des Orkans auf mich wirken ließen, halfen mir erst gar keine Seekrankheit aufkommen zu lassen.

 

Durch das schlechte Wetter kam unser Schiff dann mit reichlich Verspätung in England an. Der Himmel war stark bewölkt doch der Wind flaute in Küstennähe etwas ab und es hörte auf zu regnen. Ein typisch trübes englisches Wetter empfing uns. Wir legten im Hafen an und gaben uns den etwas eigentümlichen Grenzformalitäten der Engländer hin. Hier spürte ich das erste mal eine Fremdheit, die mir bei meinen bescheidenen Reisen auf dem europäischen Kontinent nie so ausgeprägt entgegenschlugen. Vielleicht war es auch die Ungewissheit über das was vor uns lag, gepaart mit der Endgültigkeit unserer Emigration von der Heimat, wo wir ja alles aufgegeben hatten.

 

Bei der Ankunft in Southampton gingen bei Inge die Nerven durch. Sie würde kein Schiff mehr betreten und wollte wieder zurück nach Deutschland. Ich beruhigte sie und konnte ihr klar machen, dass wir dazu auch wieder über das Wasser müssen und darum könnten wir auch gleich das Boot nach Kapstadt nehmen. Im Übrigen ist das Schiff nach Kapstadt viel grösser und würde auf den Wellen ganz ruhig schwimmen... Selbst ich glaubte nicht an meine Worte, denn wir mussten noch durch die Biscaya und nach der gerade erlebten kleinen Überfahrt durch den Kanal, erwartete auch ich keine ruhige Kreuzfahrt.

 

Was sollte ich sonst nochf an Ausreden benutzen ? Einfach so alles in Deutschland aufgeben, durch Frankreich fahren, mit dem Schiff nach England und eben mal sagen "nee da mache ich nicht mit." Nur mit viel Zureden war Inge dann bereit sich wenigstens das Schiff "Windsor Castle " erst einmal anzusehen.

 

 Wir fuhren mit dem Taxi durch die Stadt. Ich sass auf der linken Seite neben dem Fahrer. Der ganze Verkehr schien ein Chaos. Alle fuhren auf der falschen Seite (Linksverkehr) doch es gab keine Zusammenstösse. Meine Hände wurden feucht und ich dachte bei jedem entgegenkommenden Fahrzeug " jetzt kracht es" . Nach diesem Schreck kamen wir sicher am "Pier" an und standen nun vor dem Ozeanriesen. "Windsor Castle", fast vierzigtausend Tonnen Verdrängungsgewicht. Ein Traum von einem Schiff. Inges Zweifel für eine ruhige Überfahrt waren überstanden und sie glaubte nun meinen Notlügen über eine ruhige Überfahrt weil diese Schiff ein Riese im Vergleich zu unserem Kanalschiff war.

 

Die Kräne hievten Waren, Kisten, Container und Autos in den riesigen Schiffsbauch. Uniformierte Schiffsoffiziere und Stuarts halfen uns die Treppen zum Schiffseingang aufzusteigen. Wir wurden freundlich begrüsst und bekamen unsere Kabine. Wüsste ich nicht, daß ich nun auf einem Schiff bin, würde ich schwören daß wir uns in einem riesigen Hotel befinden mit hunderten von Zimmern. Es gab mehrere Stockwerke und Aufzüge. Alles war blank poliert. Die Menschen rannten hektisch über die Flure und schleppten Gepäck. Andere putzten die Tränen aus Ihren Augen. Sie hatten sich gerade von Ihren Lieben verabschiedet. Wieder andere standen in kleinen Gruppen hielten Blumen in den Händen und unterhielten sich aufgeregt.

 

Wir bezogen unsere Vierbettkabine die alles hatte was nötig, aber nichts Unnötiges vorwies. Zwei übereinander gebaute Betten, Ein Waschbecken und ein mittelgroßer Kleiderschrank mit Ablage für unsere Koffer. Dies soll für die nächsten zwei Wochen unser Refugium sein und so räumten wir unsere Kleider und Wäsche ein und machten es uns erst einmal gemütlich auf den Sesseln und an dem kleinen Teetisch. Ein leises Brummen konnte man von den Versorgungsanlagen hören, ansonsten war es still wie in einem Hotel. Durch die Luke konnte man über den Hafen blicken und all die anderen großen Schiffe bewundern.

 

Die Abfahrt war erst für den nächsten Tag vorgesehen und wir machten uns auf den Weg in einem der englischen Restaurants ein Abendessen zu bekommen. Zuvor mussten wir uns von meinem Bekannten verabschieden, er war die letzte bekannte Person und stellvertretend für die Heimat, die Eltern, Verwandten und Freunde, wünschte er uns alles Gute. Wehmut und Abschiedsschmerz jedoch auch Stolz über die Freiheit, die Loslösung vom Bisherigen, den Blick in die Zukunft gerichtet standen wir nun ganz allein vor der weiten Welt. Weit und breit nur fremde Landschaft, Häuser und Menschen und meine Unfähigkeit Englisch zu verstehen, und dann noch die Unfähigkeit der Engländer eine meiner Sprachen zu verstehen. Immerhin konnte ich zwei und ein bisschen eine dritte Sprache. Die Engländer sind ein wenig faul was Sprachen angeht.

 

Zuerst versuchten wir unseren Weg aus dem riesigen Hafen heraus zu finden. Wir steuerten das erst beste Lokal an und setzen uns an die Bar um erst einmal etwas zu trinken. Die vornehmen Gäste schauten uns alle etwas verwundert an. Die Sprachprobleme machten uns schier verrückt denn die Leute im Lokal hatten nur eines im Sinn " wir müssen hier wieder raus". Mit Händen und Füssen machten man uns klar, dass wir uns in einem Club befinden und dass Speisen und Getränke nur an Clubmitglieder ausgegeben werden. Ich dachte diese Engländer sind verrückt. Freundlich aber doch bestimmend hat man uns auch auf die Strasse gesetzt mit der Empfehlung ein öffentliches Speiselokal aufzusuchen.

 

Wir fanden dann auch etwas Ähnliches. Ein großer Saal, gefüllt mit Gästen, hatte noch einen Tisch für uns frei. Über das Essen das man uns servierte lohnt es sich nicht zu berichten, es sei denn auf eine beleidigende Art gegen die Insulaner, die ich heute doch recht gerne mag. Ohne die Freundschaften mit diesen Briten, wäre mein späteres Leben in Südafrika nicht so gut verlaufen.

 

Wir machten uns bald wieder auf den Weg und fanden unser Schiff auch schnell wieder. Es ragte über einige der großen Hallen heraus und die Schornsteine waren angestrahlt mit Flutlichtlampen was ein schönes Bild abgab. Die erste Nacht in unsere Kabine war angenehm und wir schliefen Arm in Arm bis am nächsten Morgen jemand an die Tür klopfte. Draußen war es schon hell und eine Stimme sagte etwas von Stuart und Tee. Wir sagten herein und die zuvor verschlossene Tür wurde von draußen geöffnet und ein schmuck aussehender Stuart in weiser Uniform brachte uns fünf Tassen Tee und Gebäck auf einem Tablett das er auf den Nachttisch stellte. Er verschwand so schnell er gekommen war. Der Geruch von Tee mit Milch machte sich in der Kabine breit. Mir drehte sich der Magen. Ich konnte den Geruch von Tee auf nüchternen Magen und dazu auch noch mit Milch, die ich eh nicht trinken mag, nicht ertragen. Sollte so unser Frühstück aussehen? Ich aß ein paar Kekse nahm einen Schluck Wasser und nach der Morgentoilette zog ich mich an um auf dem Schiff herauszufinden wie das Leben nun weiter gehen sollte. Mir war angst für die nächsten zwei Wochen auf diese Art mein Frühstück zu nehmen.

 

An der Hauptrezeption sagte ich Guten Morgen, "Good morning Sir" erwiderte der Uniformierte, "can I help you". Ich fragte: sprechen sie deutsch, no sorry Sir english, parlez vous francais, no sorry Sir english, parla italiano, Oh no sorry Sir we speak english only. Was ich auch als Verständigung anbot, immer nur sorry Sir english. Ich dachte ich bin hier auf dem falschen Dampfer. So konnte es die nächsten zwei Wochen nicht weitergehen. Ich wusste zwar, dass man in England englisch spricht ahnte aber bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass dieses Inselvolk zu träge oder faul ist um Sprachen jeder Art außer Englisch zu lernen. Selbst die englische Sprache, das sollte sich in den nächsten Jahren herausstellen, beherrschen diese Briten auch nur in beschränkter Weise, es sei denn die besser Gebildeten. Nun ja, mein Deutsch ist aber auch nicht viel besser. Aber immerhin, ich könnte diese Zeilen auch in anderen Sprachen schreiben was dem Engländer bereits in seiner Muttersprache schwer fällt.

 

Ich versuchte diesen Operetten Generälen beizubringen, dass meine Frau, Kinder und ich von dem mageren Frühstück, eine Tasse Tee und ein Biskuit nicht satt werden können. Alle waren zwar freundlich und mit ihrer feinen englischen Art versuchten sie mich von ihrem Leibe zu halten. Verstanden haben sie kein Wort. Mein Magen brummte und verlangte nach "Action". Es half nur eins, einer meiner berühmten Temperamentsausbrüchen in deutscher Sprache........

 

Dies hatte seine Wirkung wohl nicht verfehlt und man rief schleunigst einen Stuart aus der ersten Klasse der ein einwandfreies Französisch sprach und sehr nett war. Er sagte mir er sei Portugiese und spreche einige Sprachen. Das Schiff hat nur englische Passagiere und die Besatzung sei englisch.

 

Ich erklärte Ihm mein Anliegen worauf er herzlich lachte. Die Tasse Tee mit dem Biskuit war nur zum Aufwecken. Das Frühstück wird im Speisesaal serviert. Es war mittlerweile schon nach neun Uhr und mein Speisesaal war bereits geschlossen. Wir sollten aber ab morgen um acht Uhr zum Frühstück hier erscheinen.

 

Nach und nach kam in mir eine Wut gegen mich selbst auf. Kommt ein Provinzler wie ich in die weite Welt..... All diese Dinge stehen in den Broschüren die man uns zur Verfügung gestellt hatte. Leider nur in Englisch. Ich konnte kein Wort verstehen. Ich muss in den nächsten Wochen englisch lernen, egal wie schwer es sein würde. Mein Gedanke war erst einmal in Südafrika ankommen und Afrikaans lernen. Diese Sprache ähnelt so sehr dem Holländischen sodass es mir keine Schwierigkeiten bereiten sollte. Es würde aber anders kommen und ich werde bald feststellen müssen, dass die englische Sprache doch am wichtigsten ist.

 

Die feine englische Art wurde uns dann doch noch bewiesen. Unser Stuart bot uns an, in der ersten Klasse des Schiffs ein Sonderfrühstück für uns zu organisieren. Er führte uns in einen Speisesaal der einem Raum in einem Schloss ähnelte und wir wurden von drei Stuarts der ersten Klasse bedient. Die Menükarte war voll mit Essensangeboten doch wir wollten nur Toast, Kaffee und Butter. Die Stuarts blickten uns immer wieder unverständlich an und wunderten sich wohl über unsere bescheidenen Essensangewohnheiten. Wir waren von der luxuriösen Ausstattung dieses Raums überwältigt. Bilder, Gemälde, Teppiche und teuere Vorhänge zierten diesen königlichen Raum. Ein zimmerwandgroßes Gemälde von dem Schloss "Windsor Castle" war mit Scheinwerfern angeleuchtet und ich hatte das Gefühl in der Nachbarschaft der "Queen" zu Speisen. Das englische Frühstück war uns aber bis Dato noch unbekannt und wir waren vorerst mit Toast, Butter und Marmelade satt. Heute weis ich was wir uns haben entgehen lassen. Fruchtsäfte, gebratene Leber oder Steak, Kippers, Fisch, Schinken, Käse, Eier in allen Variationen, Getreidekörner, Müsli, "Beef Saussages", "Pork Saussages", Früchte usw. usw. usw. Es stand alles auf der Speisekarte. Wie gut war es doch aus bescheidenen Verhältnissen zu kommen um dies zu überstehen. Es gab also nur eins. Lernen, Lernen, Lernen...... Wir begannen schnell zu lernen. Ohne englisch werden wir bescheidener essen und wegen unserer Unerfahrenheit und Unkenntnis der Sprache, die Genüsse die dieses Schiff und seine Speisen bot, verpassen.

 

Zum Mittagessen waren wir pünktlich an unserem Tisch in unserem regulären Speisesaal. Dieser Raum war relativ einfach zu dem Speiseraum der ersten Klasse doch auch hier hatte man das Gefühl in Luxus untergebracht zu sein. Die Ober und Stuarts verwöhnten ihre Gäste und lasen ihnen jeden Wunsch von den Lippen ab. Vorausgesetzt die Lippen bewegten sich "englisch".

 

Es kam also wie es kommen musste. Dasselbe Drama wie an der Rezeption " No sorry Sir, english" hörten wir immer wieder auf unsere Fragen wie "sprechen sie Deutsch oder...."  Die englische Speisekarte stand vor uns und wir hatten keine Ahnung wie es nun weiter gehen sollte denn wir verstanden nicht was da drauf stand. Die Gäste an den umliegenden Tischen schauten uns amüsiert zu. Wir waren also die Exoten mit den drei kleinen Kindern die alle kein Wort Englisch konnten. Das Lächeln der Leute war aber eher freundlich als hämisch und so lachten wir zurück. Der Stuart stand verzweifelt am Tisch und erwartete unsere Bestellung. Ich gab Ihm zu verstehen, dass wir auf einer internationalen Reise einen Anspruch auf einen Stuart hätten der zumindest eine Fremdsprache kann. Der Stuart verschwand und brachte den Chefstuart. Dieselbe peinliche Geschichte. Immer nur "No Sir only english". Das konnte ja heiter werden. Der Chefstuart sprach genervt mit dem Stuart, dieser verschwand und servierte uns kurzerhand einfach alle Vorspeisen, Hauptspeisen und Nachspeisen.

 

Eine Verständigung war somit nicht mehr benötigt und wir konnten und das aussuchen was uns am besten gefiel. Ein mir heute geläufiges englisches Sprichwort hat die Lösung des Sprachproblems parat: " If You can not beat them, join them". "Join them" werde ich also schnellstens tun und jede Situation an Bord gab mir Gelegenheit meine ersten Schritte in der englischen Sprache zu machen. Was ist aufregender als auf einem Schiff freundliche Menschen in einer entspannten Atmosphere kennen zu lernen und Tag für Tag neue Wörter aus ihrer Sprache zu lernen, dabei immer wieder durch die falsche Aussprache auf fragende oder in Gelächter ausbrechende Gesichter zu stoßen.

 

Der Engländer lachte über meine Unfähigkeit die Wörter auszusprechen, dieses Lachen ist aber nicht beleidigend. Er besitzt vor allem die Gabe über sich selbst zu lachen und eine mir bisher unbekannte Gelassenheit und Toleranz gegenüber seinen Mitmenschen an Tag legt. Diese Eigenschaften waren mir auf dem europäischen Kontinent auf diese Art noch nicht begegnet. Ansonsten haben diese Menschen noch eine ganze Menge liebenswerter Eigenschaften die man aber erst im täglichen Umgang mit ihnen verstehen und schätzen lernen kann, wenn man will...

 

Es war Nachmittag so gegen drei. Schwarze Wolken zogen über den Hafen und die letzten Passagiere strömten an Bord. Am Kai versammelten sich immer mehr Menschen die Ihre Angehörigen und Freunde verabschieden wollten. Viele der Passagiere an Bord waren zu einem Urlaub nach Europa gekommen und kehrten nun wieder zurück nach Afrika. Alles Menschen wie du und ich. Ob auch andere Immigranten dabei waren wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht.

 

Die Abfahrtszeit war gekommen, eine tiefe Schiffsirene tönte und die Leinen wurden gelöst. Es kam Bewegung an Deck und am Kai. Menschen winkten sich zu und trockneten Ihre Tränen, Aus einem Lautsprecher erklang "Land of our Fathers" die heimliche Nationalhymne der Briten. Langsam wurde der Riese vom Kai gezogen. In der großen Fahrrinne angelangt fühlten wir ein leichtes Zittern auf dem Schiff. Die Maschinen waren in Gang gesetzt und der Schornstein blies schwarzen Rauch in die kühle Oktoberluft.

 

Die zweite Strophe war noch nicht verklungen von "Land of our Fathers" als wir schon in Bewegung waren. Die Leute am Kai rannten und winkten uns noch immer zu. Auch ich winkte zurück. Die Zeit des Abschieds war gekommen. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken und eine Träne oder auch zwei liefen meine Wange herunter. Die Menschen da unten winkten stellvertretend für meine Familie, Freunde und Bekannte. Aus der Entfernung konnte man einzelnen Gesichter kaum erkennen jedoch waren es für mich wie Bekannte die uns winkten und eine gute Reise wünschten. Ein feierliches Gefühl und auch Melancholie machten sich in mir breit.

Ich nahm Inge in meinen Arm und wir schauten zurück auf die immer kleiner werdende Menschenmenge die uns noch immer zuwinkte. In der Ferne verklangen die letzten Töne der offiziellen Nationalhymne. God save the Queen. Diese choralartige Musik verlieh diesen Minuten einen feierlichen Glanz der mir, an die Gedanken daran, noch immer eine Gänsehaut verleiht.

 

Unser Schiff wurde immer schneller. Wir fuhren vorbei an riesigen Lagerhallen. Schiffe lagen an den verschiedenen Kais und warteten auf Ihre nächste Ladung. Hier ein Frachter aus Südamerika, dort ein Tanker aus Panama und in jeder Hafenrinne ein Riese aus einem fernen Kontinent. Ein Ozeanriese, der alle bisher gesehenen Schiffe in Größe überragte animierte mich zu einer Filmaufnahme. Erst Jahre später fand ich heraus, dass dies die "Queen Mary" war. Sie sollte ein paar Tage später auf Ihre letzte Reise gehen und in Los Angeles als Hotel umfunktioniert werden.

 

Nachdenklich schaute ich auf das im Nebel untergehende Land. England, Europa, Heimat, Freunde, die Vergangenheit, alles blieb in der Nebelsuppe zurück. Die Gedanken schweiften in die Zukunft. Aber auch hier war keine klare Sicht, nur die Hoffnung und der Glaube an eine gute Zukunft fegten meine trübsinnigen Gedanken weg. Mein positives Denken und mein Selbstvertrauen machten mich stark und vertrieben die immer wieder aufkommenden Zweifel an meinem Tun.

 

Das Schiff wurde immer schneller und schneller und erreichte bald die offene See. Die ersten Sturmböen peitschten uns ins Gesicht. Die schäumende Gicht benetzte unsere Gesichter mit salzigem Meerwasser. Die letzten Lichter verschwanden am Horizont,  letzte Zeichen von Europa.....

 

Das Meer hatte uns für die nächsten zwei Wochen. Wir machten uns ausgehfertig für das erste Dinner an Bord und zu unserer Überraschung gesellte sich eine alte Lady an unseren Tisch, die für die nächsten Wochen unsere Tischnachbarin sein sollte. Sie war Engländerin sprach aber französisch was für die Briten eher eine Seltenheit ist. Ich wusste jetzt, dass wir uns unterhalten konnten und was ganz wichtig war, wir erfuhren über die Dame was die Speisekarte als Menü anbot. Mein Groll auf die Engländer über Ihre sprachlichen Unfähigkeiten schmolz von Tag zu Tag dahin  und ich wünschte mir immer mehr Ihre Sprache zu verstehen.

 

Zuerst musste unser Schiff durch die Biskaya. Der Sturm wurde immer größer und Wellen brachten unseren Riesen immer Stärker ins Rollen. Die Nacht brachte wenig Schlaf denn der Sturm wurde zum Orkan. Es war ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ungewissheit ob dieses Schiff diesen Wellen überhaupt gewachsen ist.  Der Rumpf machte Geräusche als wolle er auseinander brechen. Die Maschinen brummten dumpf vor sich hin. Durch unsere Luke sah ich einmal die Wellen hoch über uns und dann wieder ganz tief wie in einem tiefen Tal. Die Wellen sahen wie Berge aus die uns von allen Seiten einkesselten und auf uns zu rollten als wollten sie uns verschlingen. Doch unser Boot hielt den Ansturm stolz entgegen und stampfte, wie ein Pflug durch das nasse Inferno. Die größten Wellen rissen den Riesen mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit aus dem Wellental nach oben um uns dann dem nächsten Tal in den Schlund zu werfen. Inge und die Kinder waren sehr blass geworden. Nein mehr grün. Das Abendessen war längst wieder zurückgeworfen und würde den Fischen eine Mahlzeit bereiten. Ich musste raus aus der Kabine. Inge wollte am liebsten sterben.

 

Ein neuer Tag brach an. Die Wolken über der See boten einen schaurigen Anblick und der Orkan peitschte die Wellen zu haushohen Bergen und Tälern. Das Meer war schwarz und die schäumende Gischt wurde durch den Wind in die Höhe getragen. Ein neues Wellenloch tat sich auf und wir glitten in das nächste Tal um dann gleich wieder von der nächsten Welle unsanft angehoben zu werden. Ein nicht endendes Spiel der Gewalten die unser Schiff zum Zweikampf herausforderte.

 

Ich machte mich für das Frühstück fertig und lies meine Familie in ihrem Elend in der Kabine zurück. Auf Deck in der frischen Luft lies ich mir die Gischt in das Gesicht sprühen. Vorne am Sonnendeck auf der ersten Klasse beobachtete ich unseren Kampf mit den Wellen. Meine Wangen waren rot und kalt als ich alleine zum Frühstückstisch kam. Der Speisesaal war nur schwach besetzt. Die meisten Passagiere lagen in Ihren Betten und litten wie meine Familie unter der Seekrankheit. Ich aß das vorzügliche Frühstück und begab mich, nachdem ich noch einmal das Oberdeck besucht hatte, zurück in die Kabine. Hier lagen sie. Grün und gelb. Ein jämmerliches Bild. Ich besorgte einen Schiffsarzt der dann auch gleich kam und verteilte Spritzen und Medikamente. Langsam schliefen sie alle ein. Ich machte mich mit meiner Kamera auf Deck um den Orkan auf Film zu bannen. Kein Mensch war zu sehen denn alle lagen sie in ihrer Kabine und wollten sterben. Auch ich konnte mich unter diesen Umständen nicht lange an Deck halten. Eine Sturmböe oder das auf Deck sprühende Meerwasser könnten mich wie eine Feder in dieses nasse Inferno reißen. Nur ein paar Aufnahmen und dann zurück in die vor dem Wetter geschützten Räume dachte ich mir. Einen kurzen Moment habe ich nur aufgenommen aber genug um einen kleinen Eindruck von den Naturgewalten zu erahnen.

 

Unser Schiff stampfte weiter. Ich weis nicht mehr ob wir am selben oder nächsten Abend auf den Kanarischen Inseln ankamen. Die See wurde immer ruhiger und die Temperaturen angenehmer. Inge und die Kinder waren wieder am Tisch und konnten auch ein wenig essen. Heute Abend sollte ein großes Bordfest sein. Wir standen an Deck und konnten schon die Lichter von Las Palmas erblicken. Eine milde Luft wehte durch unser Haar und schon bald  legten wir in Las Palmas an.

 

Das Schiff wurde am Kai festgemacht und kaum eine Bewegung war noch zu spüren da wurde auch ich Seekrank. Ein Cognac in der Bar schaffte aber bald Abhilfe und wir begaben uns zum Tanz in den Salon. Die Schiffskapelle spielte viele englische "Sing along" Lieder und ich begann die Engländer zu mögen. Viele dieser Lieder werde ich später auch lernen und auf Parties, Lagerfeuer oder nur so vor mich hin summen. Als Zwischenstärkung nach den enthaltsamen Stunden in der Biskaya gab es dann gegen Mitternacht "Fish and Chips" die wir noch vor unserem Schlafengehen auf dem Oberdeck genossen. Die Welt war auf einmal so ruhig und friedlich, die Sterne leuchteten über dem klaren Nachthimmel und vom Hafen her leuchteten Lampen in allen Farben. Das Leben ist schön dachte ich. Ich fing an diese Reise zu genießen und hoffte es würde immer so bleiben.

 

Die nächsten Tage waren ausgefüllt mit vielen Veranstaltungen die man zur Unterhaltung der Passagiere organisiert hatte. Es gab Kino, Konzert, Tanz, Tanzschule, Spiele an Deck und im Pool, Kostümfeste für Kinder und Erwachsene. Wir Knüpften die ersten Kontakte mit Engländern und Schotten und verständigten uns mit Händen und Füssen. Alle waren nette Leute die vom Urlaub zurückkehrten. Einige davon waren von Südafrika. Andere wieder von Kenia, Zambia und Rhodesien. Es gab Facharbeiter, Angestellte und Verwaltungsleute. Für meinen Beruf sagten mir alle eine gute Zukunft voraus. Es tat gut sich mit Menschen zu unterhalten die mir die Ungewissheit die vor uns lag erleichterten. Auch sie waren vor einigen Jahren als Immigranten in Afrika angekommen und hatten sich durchkämpfen müssen. Keinem von Ihnen wurde was geschenkt. Doch wenn man wollte konnte man sich ein angenehmes Leben in Afrika aufbauen. "Euch wird es gefallen, die erste Zeit wird zwar schwer sein, aber ihr werdet euch schnell einleben" sagten uns alle mit strahlenden Augen. Ich hoffte nur, dass sie recht haben werden.

 

Ein Höhepunkt der Reise folgte dem Nächsten. Die Äquatortaufe war dran. Alle Passagiere sammelten sich nachmittags um den Pool um die lustigen Spiele der Crew anzusehen. Einige Passagiere hatten sich bereit erklärt die Taufe durch Neptun über sich ergehen zu lassen. Es blieb kein Auge trocken. Vor Allem die Teilnehmer mussten sich im Pool einigen Schabernack gefallen lassen. Es wurde mit Torten geworfen, den Damen wurden die Haare mit Schlagsahne eingerieben, jeder musste sich untertänigst vor Neptun auf den Knien bewegen um dann von seinen Gehilfen in den Pool gezogen zu werden. Dort wurden sie alle unter Wasser gehalten bis Ihnen die Luft ausging. Für die Kinder waren kleine Bottiche aufgestellt in die man sie tauchte. Als Belohnung gab es dann Süßigkeiten.

 

Zum Kostümfest bastelten wir uns Kleider. Inge ging als "Black Forest Girl" , trug dazu sogar einen Hut mit "Pompons" den wir aus Karton und farbigem Papier hergestellt hatten. Ich ging als Spanier, die Kinder waren als Blumen verkleidet und gingen mit einer Gruppe von anderen Kindern die sich  die "Hippie Flowers" nannten. Wir hatten alle viel Spaß und erhielten sogar Preise bei der Kostümprämierung persönlich vom "Captain" überreicht.

 

So vergingen die Tage wie im Fluge. Am nächsten Morgen sollen wir in Kapstadt einlaufen. Die See wurde wieder unruhiger ein Zeichen dafür, dass wir an der Skelettküste von Südwestafrika waren. Ich stand wieder am Sonnendeck und beobachtete den jetzt kleineren Kampf des Schiffs mit den Wellen. Hier und da sah ich fliegende Fische aus dem Wasser springen. Sie sahen aus wie Schwalben die im Wasser untergetaucht waren und jetzt wieder hoch kamen. Delphine und Tümmler begleiteten uns auf beiden Seiten. Es schien als hätten sie Freude an dem Wettrennen mit unserem fünfundreissig Knoten schnellen Schiff.

 

Vor acht Wochen hatte unsere "Windsor Castle" ein Wettrennen gegen ein Auto verloren. Beide fuhren in Southampton zur selben Zeit ab. Das Auto, ein englischer Ford wartete bereits in Kapstadt als unser Schiff einlief.

 

Verträumt schaute ich in die Wellen und gab meinen Gedanken freien Lauf. Ich stellte mir die Frage was uns in Kapstadt morgen erwarten wird. Ist es wirklich so schön wie die Bilder in den Broschüren der Einwanderungsbehörde es zeigten ? Oder waren es Reklamebilder um möglichst viele Leute in eine Falle zu locken ? Wie wird man uns behandeln ? Sind wir überhaupt erwünscht von der einheimischen Bevölkerung oder sieht man uns als eine Art Asylant so wie die Ausländer in Deutschland ?

 

Am siebten November stand ich schon um halb sieben auf und machte mich für das Frühstück fertig. Als ich aus der Luke nach draußen schaute, konnte ich sehen, dass uns ein sonniger Tag erwartete. Eine Möwe huschte vorbei. Inge "lass uns nach oben gehen wir müssen in der Nähe von Land sein" sagte ich. Eiligst nahmen wir die Kinder und gingen an Deck. Hier waren bereits viele Passagiere versammelt und bewunderten die Küste des Kaps der guten Hoffnung die jetzt mehr und mehr in der Ferne auftauchte. Ich zitterte vor Aufregung, lag doch vor uns unsere zukünftige Heimat.

 

In „ Port Elizabeht „ geht der Bericht weiter………………..